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Es war einmal Advent

Selbst in den Dörfern überziehen Lichterketten aus Fernost zunehmend die Fassaden unserer Häuser mit funkelnden Lichterbändern,und seit Wochen glitzern ungezählte Sternchen in den Vorgärten längs der Straße. Advent? Eingängige Melodien aus der Konserve locken uns bereits lange vor Weihnachten geschäftstüchtig in die Einkaufszentren und gaukeln uns eine heile Welt in Harmonie und Traumseligkeit vor.

Es ist laut und schrill um uns geworden. Advent?

Advent war einmal anders, Advent war eine stille Zeit. Advent in der Eifel, das waren die Wochen im Jahr, in denen es ruhiger wurde, Wochen der Vorbereitung und Erwartung. Advent waren für uns Kinder lange, geheimnisvolle Wochen.

Dezember war Winter, lag Schnee, viel Schnee. Das war die Regel. Bräde Brooch, Greweling un Leiwiss waren zugefroren, ein großer, unbegrenzter Tummelplatz, um Bann se schloon, die alten Schlittschuhe des Vaters rauszukramen, auszuprobieren, wie dick das Eis über den Bächen und Wasserlöchern wirklich war und die Luftblasen genau zu beobachten, die bei jedem festen Tritt aufstiegen und sich unter der Eisschicht verteilten. Für die Schulmädchen war die Eisdecke ein idealer “Boden”, um sich gemeinsam an den ersten Tanzschritten zu probieren.

Innerdorf, Leiwiss, Berenze Rämmel, de Jaass un Kerche Räach waren bevorzugte, (nicht immer ungefährliche) Schlittenpisten, die von den Mutigen abwechselnd aufgesucht und auf ihre rasante Abfahrtstauglichkeit überprüft wurden.
Die Erwachsenen hatten oft viel Verständnis für das laute, bunte Durcheinander der Kinder und stumpften die glatten Straßen höchstens am Rand peedjesweis mit angefallener Holzasche ab. Für die wenigen Autos, die sich sehen ließen, galten jetzt unausgesprochen andere Vorfahrtsregeln.

Selbst die Betglocke, die überdeutlich zur pünktlichen Heimfahrt aufforderte, fand nur bei den Kleinsten Gehör.
Erst am heißen Küchenherd merkten wir dann später, wie starr die Finger gefroren, wie weit die Zehen trotz der dicken, selbstgestrickten Strümpfe im dürftigen Schuhwerk eisig und gefühllos geworden waren. Wenn dann die steifgefrorenen Hosenbeine und Schuhe allmählich auftauten und sich auf den Küchendielen oder Steinplatten regelrechte Puddele ansammelten, dann fingen auch die Finger und Zehen frostgeschädigt an zu bisele, um noch tagelang unangenehm zu jucken.

Mua morje es Mess, bäa nach suu spät Schlidde farre kann, kann och free offstohn, stellte meine Oma abschließend und unmissverständlich deutlich fest.

Wenn es dann draußen so richtig frostig war, dass in den ungeheizten Schlafkammern die Fenster unter einer dicken Schicht bizarrer Eisblumen verschwunden waren, dann durften wir als Einschlafhilfe mit einem eingepackten, heißen Ziegelstein aus dem Backofen oder einem mit heißem Wasser gefüllten Mineralwasserkrug rechnen. Die Bettflasche aus glänzendem Messing hatte mein Opa vor vielen Jahren auf dem Mayener Altreichermarkt erworben und war für die Oma reserviert.

Morgens hieß es dann (gezwungener Maßen) raus, und wenn Schneetreiben über Nacht auf der Straße von der Retsch bes Dinnes Hous hohe Wehen aufgetürmt hatte, dann dauerte der Weg zur Kirche im Dorf 3 mal so lang, denn am Reitichwäch hatte der schneebeladene Westwind wieder freie Bahn und so viel Schnee angehäuft, dass die alte Straße und der Straßengraben nur noch geahnt werden konnten. Da vor 80 Jahren zwischen Hammesse und Dinnes noch kein weiteres Haus stand, sondern nur eine hohe Hecke Sichtschutz zum Bräde-Brooch bot, konnten sich alle Wetter hier ungehemmt austoben. Nur mühsam ließ sich ein schmaler Weg durch den Schnee bahnen, und Hände und Füße waren schon froststarr, als Hammesse Sus mit einem oder zwei Kindern unter ihrem breiten Mantel (immer noch zu früh) in der ungeheizten Kirche ankam, wo sich der warme Atem bei jedem Adventslied sichtbar in einer weißen Schwade verströmte.

Das waren auch die Tage, an denen das kleine Postauto, das nun regelmäßig auch nach Gevenich die Post brachte, die Arenze Hennes vorher täglich in Büchel abholen musste, in Schneewehen stecken blieb. Dann mussten Männer aus Gevenich und/ oderWeiler an   den heiklen Stellen am Hunstang, in der Frummwiss oder Piwenall ausrücken, um dat Pössje, wie das Auto liebevoll genannt wurde, frei zu schaufeln.
Wenn aber bei klarem Wetter am Ende des Tages Abendrot den Himmel horizontweit aufglühen ließ, dann warfen wir Kinder erwartungsvolle, freudige Blicke zum Himmel in der Gewissheit, dass die Engel jetzt ihren Backofen heizten, um für uns Plätzchen zu backen, eine ahnungslose, schöne Zeit voller (vielleicht naiver) Erwartungen und echter Vorfreude.

Einen Adventskranz mit 4 Lichtern kannten wir noch nicht.
In dieser Zeit war auch Nikloosdaach. Die Eltern und Kinder waren mit den Großeltern und der Mutter in der Kech oder in der Stuff versammelt und beteten den Rosenkranz. Der Vater, der (zufällig) noch in der Scheune oder im Stall zu tun hatte, kam regelmäßig später. Und wenn es schellte, zuckte alles bang zusammen. Geheimnisvoll öffnete sich die Tür, und Plätzchen, Nüsse und Äpfel rollten ins Zimmer. Nur in seltenen Fällen ließ sich der Nikloos - immer in Eile - auch sehen, und da möglicherweise auch Knecht Ruprecht noch im Hausflur wartete, blieb es mucksmäuschenstill, oder ein mutiges älteres Kind  betete laut ein Vater Unser. Nikloos blieb meistens verborgen und stumm, weil die Kinder hellhörig sofort die Tante oder den Onkel erraten hätten. Und noch heute wissen die alten Leute genau, wen sie durch eine verräterische Geste oder den Gang als  Nikolaus entlarvt hatten, ohne ganz sicher zu sein, denn Nikolaus konnte ja viele Gestalten annehmen.

Ansonsten galt es, in diesen Wochen brav zu sein, fleißiger und beflissener noch als sonst Hei se roppe, Schliwwere se mache ... Vor allem aber kam es darauf an, viele Rosenkränze zu beten  allein oder im Wetteifer mit den Geschwistern. Nicht selten fand dieses gemeinsame Gebet in der dunklen Küche oder Stube im flackernden Schein des Herdfeuers oder Ofens statt. Selbst die, die nicht regelmäßig in der Kirche waren - und die waren dorfbekannt - bemühten sich jetzt, den Besuch deutlich zu verbessern.

Später durften die Kinder dann für jede gute Tat einen Strohhalm ins Krippchen legen, damit das Christkind an Weihnachten sanft gebettet war.

Und wenn heute in Anzeigen “Eifel - Advents- Schlemmerwochenenden” angeboten werden, dann liegt unser Advent viele Generationen zurück, denn Adventszeit war auch Fastenzeit. Jedes öffentliche Vergnügen, auch offizielle Hochzeiten, waren untersagt.
So war es.

Fotos wurden von Alois Franzen zur Verfügung gestellt
 

 

Vor vielen Jahren aber kam St. Nikolaus mit Anhang auch ganz persönlich nach Gevenich. B.M. Steinmetz wusste es genau. Es ist eine Advents- eine Nikolausgeschichte, eine Predigt, wie sie B. Michael Steinmetz - wann genau, ist mir nicht bekannt - aufgeschrieben hat.

Wer war dieser Steinmetz, der sich in Gevenich und Büchel, diesseits und jenseits der Endert so gut auskannte. In seinen “Legenden” erwachen unsere Dörfer, Straßen und Menschen zu neuem Leben, wird ihre Denk- und Lebensart erfahrbar.

Bernhard Michael Steinmetz gehört zum Urgestein einer Pfarrergeneration, die wie Pastor Ley in Gevenich über 30 Jahre lang (1912-1945) Pastor in Büchel war und 2 Generationen unserer Nachbargemeinde auf seine kernige und einfühlsame Art prägte. Als Volksschriftsteller versuchte er auf volksnahe Art und Weise Wahrheiten, nicht nur Glaubenswahrheiten, den einfachen Menschen der Eifelhöhe nahe zu bringen. Wie Pfarrer Ley hat auch Pfarrer Steinmetz ein Ehrengrab unter seinen Bauern erhalten und ist mit der Benennung einer Straße geehrt worden.

Des heiligen Nikolaus erste Bescherungsfahrt in die Eifel
Am Vorabend des 6. Dezember verließ der heilige Nikolaus den Himmel. Der liebe Gott und alle Engel und Heiligen wünschten ihm gute Reise. Er kam zuerst durch die Sterne, dann durch die Wolken und zuletzt durch die Gipfel und Äste der Bäume. Im Cochemer Wald betrat er den festen Erdboden. Er betrachtete sich gerade den Berg von Gebäck, den die Engel dort aufgehäuft hatten, und sann nach, wie er alles mitnehmen könne. Da hörte er auf einmal tief unter sich grell eine Peitsche knallen . Er trat ein paar Schritte vorwärts und schaute in die grausige, schon dunkle Endertschlucht hinab. Ein dürrer Esel mit einem knarrenden Wagen, so schien es ihm, kletterte aus finsterer Tiefe durch die dicken grauroten Abendnebel den steilen Hang herauf. Als das Fuhrwerk höher kam, sah Sankt Nikolaus, daß er sich nicht geirrt hatte. Auch der Fuhrmann war jetzt zu erkennen. Er hatte funkelnde Augen wie ein Kater bei Nacht. Ein riesiger, weiter Sack und eine klirrende Kette baumelten um  seine Schultern. Der kluge Sankt Nikolaus kannte den bösen Gesellen auf den ersten Blick und fuhr ihn barsch an : "Was hast du hier verloren, Beelzebub? Dieses Gebäck ist für die braven Kinder auf der Erden und nicht für euch in der Hölle." "Ach, ach," stammelte Beelzebub, "ich will ja gar nichts wegnehmen. Gott hat mich nur hergeschickt, damit ich dir behilflich sei bei deiner Reise und solche Kinder strafe, die du nicht brav findest. Die schlechtesten soll ich in diesen Sack tun und mit in die Hölle nehmen." Der Teufel hatte noch nicht ausgeredet, da fing er schon an, das Gebäck auf den Wagen zu laden, so diensteifrig zeigte er sich. Die feinen Wecken und Printen und Brezeln gefielen ihm sehr gut. “So zart goldig", sagte er, "hätten wir sie nicht backen können, unser Feuer da unten ist meistens zu stark."

Als die beiden alle Gaben auf dem Wagen hatten, fuhren sie aus dem Dickicht auf die Straße, dann ging‘s flink auf die Höhe hinter Faid und über den Ellerberg auf die Chaussee nach Gevenich hoch. Die Abendglocke hatte schon längst geläutet. Vor dem ersten Hause machten sie Halt.

Sankt Nikolaus wollte gerade mit seinen Geschenken eintreten, da meinte Beelzebub: "Seien wir nicht so voreilig! Wir wollen zunächst lieber mal durchs Dorf schlendern und nachsehen, ob die Kinder unserer Gaben auch würdig sind."  "Das ist kein übler Vorschlag", erwiderte der heilige Mann. "So laß uns den Esel hier anbinden, wir wollen dann links durch die Wiese unter dem Dorf hinter den Gärten   vorbei schleichen und unbemerkt da oben am Backes auftauchen. Von da übersehen wir nach rechts das Unterdorf und den Weg nach Büchel und nach links die Straße nach Weiler."   

Als sie nun zur alten Schmiede unter der Kirche gekommen waren, hörten sie von der Gasse her  ein eigenartiges Geräusch, wie wenn etwas rutscht und dazu Rufe des Wohlbehagens “Holla, hopla, hui!"Horch!" sagte Beelzebub, "sie fahren noch Schlitten, und wie lange hat die Abendglocke schon heimgerufen! Sie kommen herunter! Schnell, wir stellen uns unten an die Kehre und wollen ungesehen meinen Sack dicht über dem Boden aufhalten, dass alle hineinsausen müssen." Sofort kamen die Schlitten auch schon, angesurrt.” Eins ... zwei ... drei", zählte Beelzebub, und dann zählte er so schnell, daß man nicht mehr folgen konnte. Auf einmal rief er "vierzehn, vierzehn sind drin!" Weitere flogen noch in vollem Braus in den tiefen, finstern Höllensack. Der Teufel lachte mit seinem ganzen Gesicht und band hurtig zu. Und nun befahl Sankt Nikolaus: "Sofort mit den Gefangenen in den Zehnthof hinter der Schmiede und leih dir die Ortsschelle und ruf mir die Eltern zusammen. Sie brauchen eine kräftige Predigt!"

Beelzebub nahm den Sack mit den Kindern und Schlitten auf seine Schultern. Die Kleinen schrien fürchterlich und strampelten mit allen Beinen und Armen, daß es Beelzebub kitzelig und spaßig um den Rücken wurde, und daher sprang er so leicht und lustig wie ein Füllen das Unterdorf hinauf, daß Sankt Nikolaus hinter ihm zurückbleiben musste. Der böse Schelm warf den Sack in die Scheune unter der Kirche  und dachte: “Ich will euch schon das Strampeln und Hampeln und Kitzeln und Krabbeln vertreiben,  nahm einen Flegel von der Wand und drosch den Sack aus allen Teufelskräften. “Oh weh! und Oh jeh!" riefen sie inwendig und stießen und kratzten gegen den Sack, aber er war von vierfachem  Höllenleinen;  sie konnten ihn weder zerreißen noch zerbeißen. Der Teufel wurde allmählich müde und machte eine Pause. Hier und da stemmte sich noch ein  Knie oder ein Ellenbogen gegen den Sack. Da spie er wieder in die Hände und drosch und drosch, bis sich nichts mehr bewegte und regte. Dann setzte er sich auf den weichen Sack und pfiff frechlustig vor sich hin.    

Mit würdigen, gemessenen Schritten kam endlich der liebe heilige Nikolaus. Ach Gott rief er, was muss ich sehen! Oh ihr armen Kinder!

"Wo sind  denn die Eltern, die du mir rufen solltest?" "Ich habe gedacht," stotterte Beelzebub, die Eltern wollten solche schlechten Kinder gar nicht mehr haben, die abends noch auf der Straße herum laufen.  Aber sieh, da kommen ja die Eltern schon ungerufen." So war es. Beelzebub hatte so kräftig gedroschen, dass die Schläge durch das ganze Dorf gedrungen waren und alles herbei lief.

"Männer und Frauen," sprach St. Nikolaus, “ihr habt eure Kinder schlecht erzogen. In tiefer Dunkelheit sind sie noch Schlitten gefahren, statt daheim in eurer Obhut ihre Aufgaben zu machen. Nun hat sie der Teufel zur Strafe totgedroschen. Da ging ein großes Weinen durch die Schar der Eltern. "Unsere Kinder, unsere armen Kinder!" riefen sie und knieten vor dem heiligen Mann hin und flehten: "Oh hilf, dass wir sie wiederbekommen! Hätten sie gewusst, dass du heute kämst, oh, wie gern hätten sie dich daheim betend erwartet!" Als der heilige Bischof das große Leid der Eltern sah, ward er gerührt und tröstete sie: “Weinet nicht! Wie ich einst die Knaben im Metzgerbottich lebendig gemacht habe, so will ich auch diesen hier im Sack das Leben neu schenken.!” Und da streckte der gute Mann seine Hand mit dem funkelnden Bischofsring über die Toten, flehte aus tiefem Herzen zu Gott und zog ehrfürchtig das Zeichen des heiligen Kreuzes über den Sack. Und da mit einem Male wurde es inwendig wunderbar lebendig, es zitterte und zappelte, es hampelte und strampelte. “ Dank, dank!” riefen die Eltern, als sie ‘s sahen. Auf einen Wink sprang Beelzebub hinzu, band den Sack auf, fasste den Sack bei den Endzipfeln und schüttelte ihn gründlich aus. Wie Äpfel kamen die Kinder aus dem Sack auf den Hof gepurzelt. Schnell rafften sie sich auf und wollten davonlaufen. St. Nikolaus aber redete ihnen liebreich zu, dass sie furchtlos bei ihm blieben. Er hielt ihnen ihre Sünden vor und mahnte sie väterlich. Dann knieten alle nieder und beteten mit ihm laut und kräftig, dass alle Giebel um den Hof klangen, und die Männer zogen andächtig ihre Hüte.

Während des Gebets war der Esel, der sich losgerissen hatte, mit dem Wagen in den Hof hinein gekommen. Sankt Nikolaus verteilte eigenhändig seine Gäben an die Kinder. So viel erhielten sie, daß ihnen das Christkind nichts mehr zu bringen brauchte. Dann fuhr Sankt Nikolaus weiter  in andere Dörfer. Nach B. M. Steinmetz