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Gevenich 1931

Erstellt am Sonntag, 01. Juni 2008 22:48
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Werbefoto 1931
Hinten: Frieda Holzknecht • Anna Hammes • Alois Hammes • Johann Mais • Barbara Mais
Vorne: Hermann Keßler • Susanne Eberhard geb. Berenz • Hermann Berenz • Gertrud Schmitz geb. Keßler • Alois Berenz • Agathe Müller geb. Allar

Etwas verlegen hält die kleine Agathe das Schild Gevenich 23.6.1931 in die aufgebaute Kamera einer großen Markenfirma, ein Zeitdokument, denn die scheinbar heile Welt des Fotos ist brüchig geworden. 1931 ist eine Zeit spürbarer Veränderungen auch in Gevenich. Die Weltwirtschaftskrise, die sich seit 1929 von den USA auf Europa ausbreitete, erschütterte auch Deutschland. Ein Flächenbrand von Arbeitslosigkeit, Not und Zukunftsängsten lastete über den Städten und überflutete zunehmend auch die ländlichen Gebiete. Die Folgen waren auch bei uns spürbar.

Um der Not in der Landwirtschaft zu wehren, sollten/wollten sich die Bauern in unserem Gebiet zu einer Molkereigenossenschaft zusammenschließen. Im Frühjahr 1931 waren 25 Bauern aus Gevenich bereit mitzumachen, um den ruinösen Preisverfall zu stoppen. Wie aktuell! Die Preise der Landbutter waren  bedrohlich gesunken, und es schien absehbar, dass eines Tages für die Landbutter überhaupt kein Absatz mehr möglich sein werde, da die Kaufkraft gegen Null tendierte.  Die Stimmung der Bevölkerung war auch in Gevenich auf einem Tiefpunkt, und beim Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtags im August wurde der allgemeine Unmut greifbar. Von 231 Stimmberechtigten beteiligen sich nur 31 an diesem Entscheid.

Die Gemeindekasse war leer. Die gesetzlich vorgeschriebenen Hilfen für Erwerbslose und Arme hatten die Ortsfinanzen ruiniert, und so erschien es als kleiner Lichtblick, dass die Bewohner zusammenstanden und im Rahmen der Fron den Ackerweg weitgehend in Eigeninitiative befestigen, so dass nur die Kosten für die Dampfwalze und die Arbeiten im Steinbruch zu Lasten der Allgemeinheit anfielen. Zu allem Elend verdarb noch ein verregneter August die Roggenernte mit der Folge, dass nur noch wenige Bauern genügend Brotgetreide für das kommende Jahr hatten. Schweinemast war im Ort immer ein zuverlässiges Standbein. Die Preise waren aber mittlerweile auf einem Tiefststand, ein Gewinn wurde so nicht mehr erwirtschaftet.  7 Wochen alte Ferkel erzielten auf dem Cochemer Markt bestenfalls noch 6 RM. Wenigstens die Kartoffelernte war in Ordnung, und die Preise von maximal 2 RM pro Zentner zeigten eine steigende Tendenz, ein Hoffnungsschimmer.

Schwierig war, dass es keine Perspektive mehr gab. Die Kinder wurden in schwieriger Zeit geboren und mussten in Jahren groß werden, die ihnen viele Jahre ihres Lebens raubten.

In dieser Zeit expandierte die Firma Kornfranck und startete deutschlandweit eine große Werbeaktion für ihre Produkte. Vor markanten Punkten der Dörfer lockte sie die Kinder mit kleinen Werbegeschenken und einem Gruppenfoto, um für ihre Kaffeeersatz-  und Zusatzprodukte zu werben. Heute noch existieren ähnliche  Fotos aus vielen Orten Deutschlands. Auch in Gevenich hat sich ein weiteres Foto mit einer 2. Kindergruppe erhalten, das Alois Franzen der Gemeinde zur Verfügung gestellt hat. 

In den folgenden Jahren breitete sich die öffentliche Werbung für Markenprodukte, die vorher nur auf die 3 Gevenicher Läden beschränkt war, an Zäunen und Häuserwänden weiter aus. 

Werbeschild
Das gut erhaltene Blechschild wirbt für Kaffeezusatz, der eine Längung und bessere Bräunung echten aber teuren Bohnenkaffees versprach.

Echter Kaffee war in Gevenich vor Ende des 2. Weltkrieges kein Thema. Auch Kaffeeersatz, für den schon nach 1900 im Ort geworben wurde, konnte hier nicht Fuß fassen. Dafür war kein Geld da, und die Trinkgewohnheiten der Einheimischen waren wahrscheinlich seit den Anfängen des Ortes unverändert. Man trank nur Wasser aus Quellen, Brunnen oder später auch aus dem Wasserhahn und Milch, etwas anderes war nicht üblich. War ein Kind krank, dann besorgte man auch schon mal Mineralwasser, dem man heilende Wirkung zusagte. Dass viele Bauern morgens auf nüchternen Magen erst einmal einen Schnaps kippten, gehörte zum täglichen Ritual. Und aufgeweckt durch die neue Reklame für Kaffeeersatzprodukte, rösteten die Frauen ihre Gerstenkörner erst einmal lieber selbst in der Gusspfanne auf dem Herd. Erst nach dem Krieg setzte sich Kathreiners Malzkaffee auf dem Markt durch.
 

Reklamemarken fast aller führenden Produkte waren in diesen Jahren bei den Sammlern der große Renner wie die Einklebebilder, die große Zigaretten- oder Margarinemarken auf den Markt brachten.