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Zwo Schierze

Historische Aufnahmen haben ihren eigenen Reiz. Für den Bruchteil einer Sekunde halten sie den schnellen Fluss der Zeit fest, dokumentieren, wie es war, und erlauben einen flüchtigen Blick in unsere Vergangenheit.
Historische Fotos aber sind mehr als Momentaufnahmen. Sie haben immer eine Geschichte und regen uns an, weiter zu fragen nach den Personen, dem Ort, den Lebensumständen ....
So sind auch unsere Fotos ein Spiegel ihrer Zeit.

Gevenich 1929, Schulhof. 3 Kinder, 3 von insgesamt 5 Geschwistern. Hedwig Hammes (Jahrgang 1917), Alois Hammes (der einzige Junge, Jahrgang 1919) und Anna Hammes (Jahrgang 1921), so wie Geschwister damals eben aufeinander folgten, zahlreich und regelmäßig.

Fotos waren noch nicht selbstverständlich, und so hatte die Mutter ihre Mädchen an diesem Morgen auch besonders ausstaffiert und ihnen zur Feier des Tages nagelneue Schürzen angezogen, denn Schürzen gehörten von frühester Kindheit an zu den Kleidungsstücken aller Mädchen; so war es seit Jahrhunderten, und so sollte es bis in die 50-er Jahre bleiben, denn mit wenig Aufwand konnte man so einen modischen Akzent setzen, der sonst nicht üblich/ möglich war. Und eine Schürze schonte nicht nur die restliche Kleidung, sie überdeckte auch so manchen Flecken, Flicken oder Schaden.
Aber auch bei Hammesse war der Kleiderschrank ziemlich klein und ziemlich leer. Die wenigen Stücke hatten am Zaapebrät hinter der Tür in der Kammer Platz, wo üblicherweise 2 Kinder in einem Bett schliefen.

Hier beginnt die Geschichte der Schürzen, an die sich die heute 92-jährige Hedwig noch genau erinnert.
Oos Trout, mei älst Schwester, hat Nähe jeliert, un dat woar fier uus von gruussem Vordel. Oos Trout kunnt ous allem ebbes maache. Schierzestoff woar deier un ma mooßt sich se halfe wesse. Wenn se off em Cochemer Moat fier poa Grosche ihr salwer jemaacht Botter verkaaft hatte, sen  Jewenijer Fraue off dem Hämwäch oft zom Lumpekrämer Fischer in de Owerbaachstrooß jange. Dä hat fier bellich Jelt alles jehatt un jesammelt. De Cochemer han em alles broacht, Gardine, Stoffreste un aal Kläder. Un dat annere hat er off em Land jesammelt. Be noh dem 2. Weltkreech de Fend von Bechel, su koom dä Fischer och rejelmäßich no Jewenich un hat sich in Pazleine un Welpe Foahrt hie jestallt. Daa es en met da Schell dorch et Dorf jange un hat jeroof  “dä Fischer von Cochem es do, hat Porzellan- un Glasware un sammelt Lumpe, Knooche un Eise.” un dee Leit han hie jetrohn, bat se nur hatte, um e Pettchje ... fier poar Lumpe ihsetousche. De janz Woch woar en met seiner Frau iwwer Land innerwäs. Ä woar joot jelidde, un manch Jewenijer Mädchje hat en Zeit lang in Cochem ihre Houshalt met denne ville Kenner  jemaach un sich ebbes verdeent.


Detail von Abb. 101 aus "Tafel, Griffel, Rutenstock" 

Für den Erlös der selbstgemachten Butter hatte Hammesse Traut, wie andere Gevenicher Frauen auch, beim Altwarenhändler Fischer einen im Geschäft nicht mehr verkäuflichen Stoffrest ausgesucht und den jüngeren Geschwistern daraus eine Schürze genäht, die sie zu recht stolz machte, denn sie war, wie es in den 20-er Jahren modisch war schick gestreift und hatte einen geraden Schnitt ohne Rüschen oder Schleifen. Schlicht und zweckmäßig. Wie auf dem  Foto erkennbar,  wurden die Schürzen hinten in Schulterblatthöhe von 2 Knöpfen zusammen gehalten und im unteren Drittel zusätzlich mit Schürzenbändeln verknotet.
 
Über Jahre taten diese Schürzen ihre treuen Dienste, wurden ihrerseits geschont und sind nicht wieder beim Lumpenhändler gelandet, sondern tauchen 13 Jahre später, als Hedwig und Anna erwachsen waren, als neue Schürzen umgearbeitet wieder auf,um dann wieder Jahre später als  Speellump oder Botzlappe noch lange gute Dienste zu leisten.
Wiederverwendung war selbstverständlich und notwendig. Wiederverwertung war keine Mode, sondern eine Lebenseinstellung. Die Wegwerfgesellschaft kam erst viel, viel später.